Falter 9/06 - Stadt aus Kunst

2006-03-01

STADTMENSCH Ein junger Wiener gestaltet und vertreibt die Zeitschrift „Artyfucked”, um vergängliche Strassenkunst zu dokumentieren. SASKIA JUNGNIKL

Für die einen ist es Vandalismus, für die anderen eine Verschönerung trüber Stadtgebäude. Für Matthias Grieder sind Graffiti „ein Spiegel unserer Zeit und der urbanen Gesellschaft”. Der 29-jährige Wiener ist Gründer und Herausgeber der Kunstzeitschrift „Artyfucked”. Seit zwei Jahren durchstreift er Städte auf der Suche nach Strassenkunst. Er fotografiert Zeichnungen und Graffiti auf Schildern, Postkästen oder Mauern und druckt sie in seinem Journal ab. „Wenn die Sprayer genug Zeit haben, entstehen mit der richtigen Idee, Lage und der Kombination verschiedener Techniken wahre Kunstwerke ”, sagt Grieder. In Barcelona sei zum Beispiel die Polizei nicht so rigide hinter den Sprühern her, dadurch bleibe Zeit, um den optimalen Ort zu wählen und die Farben abzustimmen. In Wien hingegen werde meistens in der Nacht & schnell gewerkt - darunter leide dann die Komposition. Die Art der Bildwerke ändere sich sowieso ständig und differiere auch von Stadt zu Stadt. „In London sind Graffiti rauer und „tougher”, es gibt mehr Ideen und Motive. Dazu ist Barcelona im Vergleich schon fast lieblich.” Der selbstständige Grafiker rückt in jedem Heft eine andere Stadt in den Mittelpunkt. In der aktuellen Nummer ist es London, in der im April erscheinenden Ausgabe Barcelona - er hat selbst einige Zeit in beiden Metropolen gelebt.

[...] In seinem 32 Seiten dicken Artyfucked druckt er neben den so genannten „city graffity” auch Zeichnungen und Cartoons ab. „Es geht hier ums Bild. Motive sagen mehr als Worte. Ich achte nur darauf, dass sich ein spannendes Gesamtbild ergibt” Grieder will (jungen) Künstlern die Möglichkeit geben, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, denn er findet, dass es viel zu wenige Witz-, Sketchzeichnungen und Cartoons in Printmedien gäbe. Ausserdem soll „Artyfucked” Stadtbewohnern zeigen, wie viel Kunst täglich um sie herum entsteht.

Die Suche nach Zeichnern, Illustratoren und Karikaturisten ist für den jungen Grafiker schwierig. „Die meisten brauchen für ihre Arbeiten ein Thema. Ich biete aber völlige Freiheit, sowohl in der Themenwahl als auch in der Darstellungsart.” Zu Grieders Projekten, die er unter der Marke „Zeitvertrieb” zusammenfasst, gehört auch die Homepage www.artyfucked.com, auf der alle Bilder ausgestellt werden, die er fotografiert hat oder ihm Zeichner zugeschickt haben. So soll ein Künstlernetzwerk entstehen. Gewinn ist für den jungen Kreativen nicht so wichtig. „Ich verdiene nichts daran. Mein Ziel ist es, mit den Einnahmen wenigstens die Druckkosten zu decken”. Hergestellt wird seit zwei Ausgaben in Sofia, seit neuestem gibt es auch Sticker in den Heften. „Die Zeitschrift soll ein Gebrauchsgegenstand sein und nicht in einer Schublade vor sich hin faulen. Sie soll genutzt werden”.